Menschenfischer…

… nannte die Bibel jene, denen es gelang, andere anzusprechen, ins Gespräch zu ziehen und zu überzeugen, mitzumachen.

Das sind genau jene Menschen, von denen die Sozialdemokratie ein paar mehr gebrauchen könnte.

Was sollte also ein sozialdemokratischer Menschenfischer (m/w) können?

  1. Überzeugend auftreten mit einem angenehm auffallenden Erscheinungsbild.
  2. Freundlich und verständlich sprechen,
  3. den Zuhörern zugewandt, Kontakt suchend, aufbauend, haltend.
  4. Nur über Relevantes sprechen.
  5. Glaubwürdig sprechen. Keine technokratische Phrasen.
  6. Bindung an Werte erkennen lassen ohne ideologische Schablonen.
  7. Spüren, was die Zuhörer bewegt.
  8. Ein gutes Gefühl vermitteln, auch ein wenig Fröhlichkeit und Schwung.
  9. Den Verstand nicht beleidigen, sondern auf ihn bauen.
  10. Klar argumentieren ohne Agitprop.
  11. Auch dann noch lächeln, wenn ihm oder ihr die Herzen zufliegen.

Genau genommen, sind solche Leute rar. Allzu oft kommen Sozialdemokraten als verkniffen und wenig gewinnend ‚rüber. Aber es gibt solche Talente, die in kleineren Besprechungen wie auch auf der großen Bühne überzeugen können. Ein Person, die es kann ist Franziska Giffey, und sie kann sicher auch noch einige mehr. Von diesen Talenten brauchen wir mehr und nicht nur an der Spitze, sondern vor allem auch im Mittelbau der Partei. Journalisten erwecken bei ihrer Berichterstattung ja oft den Eindruck als würde es ausreichen, die Frau an der Spitze auszutauschen und dann würde alles wieder gut. Dabei wird viel zu gerne übersehen, daß der Spitzenmann oder die Spitzenfrau nur einen Teil des Problems darstellt.

Franziska Giffey mit Ulf Daude,
Berlin 1. Dezember 2018, SPD Arbeitsgemeinschaft für Bildung

Den anderen Teil des Problems versuche ich einmal anhand eines fiktiven auf wahren Begebenheiten beruhenden Beispiels aus meiner Umgebung zu illustrieren. Der Unterbezirk ist irgendwann in den letzten 25 zusammengeschrumpft, vordem waren es einmal zwei Unterbezirke. Wie für Berlin notwendig und üblich, waren sie „gelabelt“, der eine als „rechts“ der andere als „links“, heute werden die Reste „links“ gelabelt. Einige derjenigen, die der SPD nicht durch Tod verlustig gegangen sind, treffe ich manchmal. Sie sind inaktiv oder ausgetreten und jeder hat so seine Horrorgeschichten zu erzählen, mit denen er seinen Rückzug begründet. Falls man die SPD erneuern wollen wollte, wäre ein Ansatzpunkt, sich selbst wieder etwas breiter aufzustellen, und Leute wieder zu aktivieren und zu integrieren, die für eine Verbreiterung des demokratischen Meinungsspektrums sorgen könnten. Bisher aber nicht zu erkennen.

Was man sieht, sind rührende Aktivitäten, die dem Binnenzusammenhalt und der ideologischen Festigung dienen. Ein Ortsverein, der in einem der beiden Viertel für wirklich sehr Wohlhabende in Berlin ansässig ist, lädt die Mitglieder alle paar Tage zu Reisen, Versammlungen, Ausstellungsbesuchen oder Singeabenden (!) ein. Ein reges Parteileben, an dem sich allerdings nur Rentner, Rentiers oder Arbeitslose teilzunehmen erlauben können. Arbeiter oder Arbeitnehmer, vielleicht noch mit Familie, haben für solche Aktivitäten eher keine Zeit.

Ein weiteres Element der Erneuerung des fiktiven Unterbezirkes stellt eine eigene Parteischule dar. Ja, richtig auf dieser Ebene, nicht auf der Ebene eines Landesverbandes oder Bezirkes der SPD. Sie bietet ideologisches Rüstzeug durch einen Lesekreis, Exkursionen zu Wallfahrtsorten (Brecht-Haus in Berlin), Kommunikations-Schulungen, Schulungen zur Struktur der Partei und Grundlagen zur Migrationspolitik. Der Unterbezirksvorsitzende verkündet, daß die SPD deutlich machen müßte, auch die Bundesregierungskoalition platzen zu lassen, wenn nicht mehr soziale Gerechtigkeit ausbrechen würde. Im Mitteilungsblatt wird ein „linker Ausweg aus dem Tief“ gefordert, weil die rechte Politik der Schröders und Seeheimer (für Nicht-Insider: eher konservative Gruppierung in der SPD, Feindbild der „Linken“) gnadenlos gescheitert sei. Wie Friedrich Ebert hätte auch Gerhard Schröder mit einer „staatstragenden“ Politik die SPD zum „Absturz“ gebracht.

Nun, wer so contrafaktisch geschichtsklitternd argumentiert, wird sicher …. ja, was? Einzig und allein sein linkes, mindestens tendenziell sektiererisches Milljöh ansprechen, nicht aber irgendeinen potentiellen Wähler außerhalb desselben. Im Blatt wird dann noch gefordert, die Alten aus ihren einflußreichen Parteipositionen abzuwählen, also alle, die mindestens 10 Jahre schon in ihren Funktionen für den Mißerfolg der SPD wirkten (das ist jetzt meine Formulierung). Hier stimme ich dem Autoren zu, auch wenn das bedeuten würde, daß in diesem „linken“ Unterbezirk kaum einer der Funktionäre diese Säuberung überleben würde. Nun, wie gesagt ein fiktives Beispiel…

Wirklich?

Der Funktionärsapparat ist in meiner Sicht ein mindestens ebenso großes Problem wie manches wenig überzeugende Spitzenpersonal. Gerade im Apparat wäre es notwendig, selbstkritisch über Selbsgerechtigkeit, Wagenburgmentalität, ideologische Borniertheit und Linientreue nachzudenken und sich zu überlegen, ob die geschlossenen Kadergruppen nicht der Demokratie und der SPD abträglich sind. Vielleicht kommen die Sozialdemokraten dann dazu, die gesellschaftlichen Probleme zu sehen, die auch der Mehrheitsgesellschaft auf den Nägeln brennen und nicht nur einer Fraktion innerhalb der gesellschaftlichen Linken.

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