Vorbilder. Heute?

Erhard Eppler (1926-2019) im Wahlkampf, 1980
Foto: W. Meyer zu Uptrup

Dieser Herr mit der eckig-altmodischen Brille hat einen großen Anteil daran, daß ich vor vielen Jahren zur Sozialdemokratie fand. Ich hatte ihn erlebt, im Wahlkampf als Jugendlicher, wovon mein Foto Zeugnis ablegt. Ich hatte vor allem ihn gelesen. Das erste Buch hieß „Ende oder Wende“. Es war recht schmal, doch es hatte es in sich. Es war nicht mehr und nicht weniger ein Plädoyer für eine Politik, die die Umwelt und den Nord-Süd-Gegensatz als Herausforderung annahm. Gustav Heinemann meinte: „Dieses Buch stellt sich so kräftig in unseren Weg, daß man wahrnehmen muß, was Eppler sagt. Und das ist viel an eindrucksvoll dargestellten Einzelheiten aus einem breiten Bereich um uns herum. Und erst recht an deren Gewicht für unsere Existenz.“ (Der Spiegel, 19. Mai 1975)

Erhard Eppler war ein brillanter Denker, einer, von denen die Sozialdemokratie nicht viele hatte. Seine sprachliche Sensibilität schlug sich in vielen seiner Artikel nieder, die beispielsweise in „Kavalleriepferde beim Hornsignal“ (1992) nachzulesen sind. Seine Unterscheidung von Wertkonservatismus uns Strukturkonservatismus sortierte das politische Denken und führte sogar soweit, daß CDU-Vertreter, die überkommene Strukturen verteidigen wollten, alles daran setzten, ihre Politik als „wertkonservativ“ zu bezeichnen. Eppler hatte das richtige Gespür für die Zukunftsthemen, wie Demokratie, Ökologischer Wandel und Sicherheit in Europa und der Welt. Daß er darüber hinaus auch konkret darüber nachdachte, wie Gerechtigkeit im Verhältnis zu ärmeren Ländern – vor allem im Süden – konkret werden könnte und nicht nur herzerwärmende Phrase blieb, zeigt auch, daß er ein Vordenker war. Damit hob er sich in den letzten Jahren wohltuend ab von allen diesen Hinterher-Denkern, die eigene Verantwortung nicht rechtzeitig zu erkennen vermögen. Auch persönlich war er überzeugend, wie aus seinem Rücktritt als Entwicklungshilfeminister deutlich wurde. Als deutlich wurde, daß die Bundesregierung ihre Verantwortung für die Entwicklungshilfe (so hieß das damals) stark beschränken wollte, trat er 1974 zurück.

Nochmal Gustav Heinemann: „Ist Eppler ein Revolutionär, wohl gar ein marxistischer? Nichts liegt ihm ferner. Er ist radikaler Reformer und erstrebt Freiheit in sozialer Gerechtigkeit. Dabei stellt sich heraus, daß Eppler konservativ ist – freilich in einem sehr bestimmten Sinne. Auf die Frage, was zu konservieren sei, gibt es zwei verschiedene Antworten. Die eine will Machtstrukturen zum Beispiel im ökonomischen System erhalten, sie will Einkommenshierarchien bewahren, auch wo sie verzerrt sind, sie verteidigt Eigentum auch gegen das Gemeinwohl und Strafnormen auch da, wo sie ihren Zweck verfehlen. Sie verteidigt Formen des Welthandels auch da, wo sie ganze Völker gefährden, und nationale Ansprüche, die längst verschlissen sind. Die andere Antwort will Werte bewahren und freilegen. Sie geht von christlich-konservativen Traditionen der europäischen Geschichte aus. Sie zielt auf den Wert des einzelnen Menschen, was immer er leistet, auf Freiheit als Chance und Aufruf zur Solidarität, auf Gerechtigkeit. wohl wissend, daß sie nie zu erreichen ist, und auf Frieden, auch wo er Opfer kostet. Hier gewinnen Werte wie Dienst und Treue oder Tugenden wie Sparsamkeit und Bescheidenheit oder die Fähigkeit zum Verzicht neuen Rang. Vor allem geht es hier um die Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen und Lebensweisen.“ (a.a.O.)

Wer heute auf die von Eppler bereits damals formulierten Fragen und analysierten Probleme schaut, ist erschrocken, wie wenig die Sozialdemokratie von ihm letztlich gelernt hat und wie ignorant auch sie gegenüber den Zukunftsthemen war. Vielleicht besser als andere, aber das ist keine Ausrede. Man ist auch erschrocken, wie wenig wir heute politisch in der Lösung dieser existentiellen Großprobleme vorangekommen sind. Die Energiewende wäre vor dreißig Jahren schon notwendig gewesen, die De-Karbonisierung der Industriegesellschaften hätte man auch schon deutlich früher als Ziel erkennen können. Aus diesem Grund finde ich die Reaktion des SPD-Vorstandes auf den Verlust des Vordenkers völlig ungenügend.

Da ich intellektuell nie in der Lage war, die Bewußtseinsspaltung der marxistischen Linken hinzubekommen, nach der die Theorie als erstrebenswertes Ideal absolut zu setzen war (und ist), und mit der ungenügenden und menschenrechtsverachtenden Praxis marxistisch-leninistischer Politik nichts gemein hätte, kann und konnte ich mit „linker“ Politik in diesem Sinne nichts Positives verbinden. Erhard Eppler hingegen vermochte es, emanzipatorische, demokratische und soziale Politik überzeugend zu formulieren und zu begründen.

Franz-Joseph Strauß im Wahlkampf 1980 in Stuttgart Foto: W. Meyer zu Uptrup

Natürlich leiten uns auch negative Vorbilder. Hier nebenan, ein Vorbild, das mich nicht überzeugte. Weder in der Durchdringung der politischen Probleme, noch in den angebotenen und propagierten Lösungen und Zielen. Was mir wichtig war und ist: Aus welchen Werten wird die Politik abgeleitet? Und da war für mich schnell klar, daß gerade der Sozialdemokrat die christliche Begründung seiner politischen Ziele für mich überzeugender formulieren konnte. Atmosphärisches spielte auch eine Rolle. Bis heute ist mir die spürbar aggressive Stimmung in der Messehalle auf dem Killesberg in Stuttgart beim Besuch von Strauß in Erinnerung.

Und wie ist das eigentlich heute? Welche Vorbilder haben Jugendliche heute in der Politik? Wenn ich mich in meinem Umkreis umschaue, finde ich keine sozialdemokratischen Vorbilder auf der Ebene der Kommunalpolitik wie ich damals in Gabi Dreiß und Jutta Conradi in Stuttgart. Auch weiter herumgeschaut: Wer ist so anregend und überzeugend, daß er oder sie als Vorbild in der Politik angesehen werden kann?

Heute gibt es „Influencer“ statt Vorbildern. Deren „Follower“ sich häufig mit Phrasen von einigen Dutzend Zeichen beeindrucken lassen. Auf social-media Plattformen können sicher Gedankenfetzen ausgetauscht werden, doch ist für überzeugende Politik nicht etwas mehr notwendig?

Noch einmal Gustav Heinemann im Jahre 1975: „Ist das Notwendige machbar? Der Widerstand derer, die Machtpositionen und Privilegien bedroht sehen, wird erbittert sein. Die Kette von jeweils zwölf Landtags- und Bundestagswahlen [damals gab es nur zwölf Bundesländer] mit vordergründigen, auf Regierungsmacht zielenden Wahlparolen läßt wenig Besinnung auf das Wesentliche aufkommen. Das führt Eppler zu der Frage, ob Gesellschaften unserer Art noch regierbar sind. Werden wir es fertig bringen, die Bürger in der Breite für das Notwendige zu mobilisieren, das im Allgemeininteresse geboten ist? Es wird viel von Tendenzwende geredet. Nach Carl Friedrich von Weizsäcker kann sie ’nicht die Rückkehr zu einer unwiderruflich versunkenen Vergangenheit‘ bedeuten. Im Gegenteil: Sie verlangt ‚eine weniger oberflächliche und insofern radikalere Form des Fortschritts‘. Das ist es, was Eppler vorträgt.“

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