Schulaufgaben, virtuell und real

Titelbild: Raffael: Die Schule von Athen (1509). Wikimedia Commons

Der PISA-Schock hat eine Reihe von Veränderungen in den Schulen Deutschlands hervorgebracht, auf die sozialdemokratische Bildungspolitiker nicht zu unrecht stolz sind. Sie hängen mit der Etablierung von Ganztagsschulen zusammen, die in der Tat eine Vielzahl von pädagogischen Möglichkeiten bieten, die Halbtagsschulen nicht haben. Konservative könnten sch daran freuen, daß mehr Zeit für Bildung im allgemeinen zur Verfügung steht, die Sozialdemokraten freut, daß es gelingen könnte, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischem Bildungserfolg aufzubrechen, der in Deutschland immer noch recht stark ist.

Seit Freitag, dem 13. (März 2020) sieht die Situation ganz anders aus. Die Schüler sind zu Hause. Hier findet nun die Ganztagsschule statt. Sie bekommen vielleicht Aufgabenblätter, im günstigsten Falle Unterricht und Aufgaben über das Internet, im ungünstigsten Falle nichts und haben möglicherweise auch keinen Kontakt zu den Lehrern. In jedem Fall gilt: Der Einfluß des Elternhauses auf das Lernen ist plötzlich so groß wie nie zuvor. Eltern, die selbst eine solide Bildung haben, fällt es nicht schwer, die Rolle des Haus-Lehrers zu übernehmen, Eltern, die sich die verschiedenen Gerätschaften leisten können, unterstützen ihre Kinder im digitalen Lernen, Eltern, denen der Bildungshintergrund fehlt, deren Familienkasse vielleicht auch nicht so üppig gefüllt ist, können ihre Kinder kaum unterstützen, selbst wenn sie es wollten. Wer die Berichte aufmerksam liest, bemerkt, daß Lehrer in Wohngebieten, die man beschönigend-verschwurbelt „soziale Brennpunkte“ nennt, immer wieder davon sprechen, daß sie zu einem Teil ihrer Schüler seit Wochen keinen Kontakt herstellen konnten. Wo sind denn jetzt die Schulsozialarbeiter? In Schulen in Israel habe ich erfahren, daß die Lehrer ihre Schüler durchaus auch zu Hause besuchen, wenn sie meinen, daß dies sinnvoll sei.

Die Kinder berichten vom Mangel an Kontakt mit den Freunden, die Kommunikation über „soziale Netzwerke“ kann die wirkliche Begegnung nicht ersetzen, wie mancher jetzt erfährt.

Für die Bildungspolitik stellt sich nun eine Vielzahl von Aufgaben, die es lohnen, aktiv gelöst zu werden. Dabei ist die Einrichtung der Schulen mit digitalen Gerätschaften durch den „Digitalpakt“ wahrscheinlich eine der kleineren Aufgaben. Die größeren Aufgaben drehen sich um die Fragen, was man wie mit den unterschiedlichen Mitteln lernen soll und wie sie aufeinander abgestimmt sind und vor allem, wie kann soziales Lernen aussehen, wenn social distancing den Schulalltag prägt. Da wir die Erfahrung gemacht haben, daß Ereignisse wie SARS, die Vogelgrippe oder eben jetzt Corona mit erschreckender Regelmäßigkeit auftreten und schnell weltweit verbreitet werden, ist es nicht realistisch zu glauben, wir könnten in ein paar Monaten wieder zum status quo ante zurückkehren. Ich bin überzeugt, wir stehen jetzt vor der Aufgabe, den lange verschluderten Modernisierungsschub für die Schulen endlich durchzuführen und dabei gleichzeitig Schulkonzepte zu entwickeln, die hinreichend leistungsorientiert, krisenfest und demokratisch sind.

In der aktuellen Situation gibt es einen großen Lichtblick: Sehr viele Lehrer und sehr viele Schüler haben ihre ersten Erfahrungen mit dem digitalen Lernen und den häufig schnell improvisierten “virtuellen Klassenzimmern” gemacht. Es kaum vorstellbar, daß sie alle wieder zu einem Vor-Corona-Zustand des Lernens zurückkehren wollen. Sie alle werden die neuen Möglichkeiten für Lernerfahrungen und Lernerfolge nicht mehr missen wollen.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat sich zu Wort gemeldet und nüchtern festgestellt:

Mit dem „Shutdown“ werden drei wesentliche Funktionen der Schule außer Kraft gesetzt: a) die auf das Lernen bezogenen Strukturierung des Alltags, b) der das Lernen unterstützende und die gesellschaftliche Teilhabe einübende soziale Austausch mit Gleichaltrigen und Lehrkräften, c) die professionelle Rückmeldung auf Lernfortschritte. Die Krise führt somit insgesamt zu einem Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen. Zu befürchten ist auch, dass die Krise die in Deutschland ohnehin stark ausgeprägte soziale Ungleichheit in Bezug auf Zugänge zu Betreuung und Unterricht sowie in Bezug auf Lernleistungen und Bildungserfolge verstärkt.

Leopoldina: Die Krise nachhaltig überwinden

Die Leopoldina fordert für die mittleren und oberen Klassen eine Konzentration auf die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen und eine forcierte Entwicklung von Materialien für das Selbst- und Fernlernen der Schulen.

Als Reaktion auf die Stellungnahme der Leopoldina haben sich schon Engagierte aus dem Bereich Bildung zusammengefunden, die eine auf die Kinder und Jugendlichen focussierte Bildungs- und Schulpolitik fordern.

Anstatt starr an den in den letzten Jahren etablierten Leistungsstandards der KMK als gleichen Zielen für alle zum gleichen Termin festzuhalten, ist die Pädagogik in dieser Krise in der Pflicht, Strukturen und Prozesse zu schaffen, die Schülerinnen und Schüler psychisch und sozial entlasten. Entlastung und Bildungsmöglichkeiten erfahren Schülerinnen und Schüler durch das Erleben von Gemeinschaft, durch das Teilen von Ängsten und Hoffnungen wie auch durch das kooperative Entdecken ihrer Umwelt und ihrer persönlichen Fähigkeiten und Stärken. Leistungsdruck und Angst dürfen in den nächsten Monaten nicht den Unterricht und das Leben der Schülerinnen und Schüler bestimmen, nur um die herkömmlichen Übergänge im Bildungssystem in herkömmlicher Form zu sichern. Die Schülerinnen und Schüler müssen gerade in diesen Wochen wieder die Chance bekommen, gemeinsam mit den anderen lernen und leben zu können.

Welche Form der Vergemeinschaftung kann helfen und welche Form kann schaden? http://gueterabwaegung-in-der-krise.de/

In einer Petition fordern die Autoren den Deutschen Bundestag auf, eine Kommission zu bilden, um „im Moment dieser Krise Prozesse und Strukturen von schulischer Bildung grundlegend mit Blick auf die psychosoziale Integrität der Schülerinnen und Schüler zu überdenken, [es]muss ein alternativer Maßnahmenkatalog zu dem der Leopoldina entwickelt werden…“ Es gerät wieder etwas in Bewegung in der bildungspolitischen Debatte, die sich nach dem PISA-Schock schon sehr regte und mit der Bewegung um den „Deutschen Schulpreis“ auch eine gesellschaftliche Debatte auslöste. Eine Debatte freilich, die durch eine große Zurückhaltung seitens der sozialdemokratischen Bildungspolitik geprägt war. Das sollte uns jetzt nicht noch einmal passieren!

Wie sieht in dieser Situation das Hausaufgabenheft für eine sozialdemokratische Bildungspolitik aus? Damit Chancengleichheit und individuelle Förderung das Lernen weiter bestimmen, müssen wir uns offensiv in die Debatte einmischen, z.B. mit folgenden Ideen …

  1. Die Schulkonzepte und die Konzepte für die Schulentwicklung müssen** das soziale Lernen sehr bewusst einbeziehen, gerade in Zeiten, in denen die Kinder sich nicht sehen oder nur in Teilgruppen einer Klasse in der Schule sind. Vereinzelung und Überforderung bis hin zur Vernachlässigung müssen berücksichtigt werden, wir brauchen Konzepte, die auch den Lehrern gelehrt werden.
  2. Die didaktischen Konzepte müssen dringend weiterentwickelt werden. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass* eine Vielzahl von Lehrern Didaktik und Lernstoff in eine unüberschaubare Anzahl von Arbeitsblättern atomisieren und der rote Faden eines Lernprozesses mitunter schwer zu erkennen ist. Die Didaktik wird sich wahrscheinlich stärker auf die in den Spinden in der Schule eingeschlossenen Schulbücher wieder stützen, wird stärker auf – häufig fächerübergreifendes – Projektlernen abheben, und die elektronischen Komponenten viel paßgenauer in die Lernkonzepte integrieren.
  3. Viele der elektronischen Lernangebote sind nur ins Digitale transformierte Arbeitsblätter. Das ist dann noch weit entfernt von interaktivem Lernen und einer Vernetzung der Lernelemente, die im Internet möglich sind. Wir wollen einen Entwicklungssprung erleben, der die unterschiedlichsten Medien integriert und ihre Stärken voll zur Geltung kommen läßt. Das schließt auch eine stärkere Rolle von Schulbüchern ein, die ohne Akkus und Batterien ja auch funktionieren und so aufgebaut sind, daß sie auch das Selbststudium der Kinder und Jugendlichen unterstützen. Und dann auch den Eltern helfen können, ihren Kindern im Lernprozeß beizustehen, wenn sie nicht in die Schule gehen.
  4. Staatliches Handeln ist gefragt, um einen elektronischen Rahmen mit einer Bildungsplattform als virtuellem Klassenzimmer zu definieren, die Grundfunktionen wie Mails, Chats, Video-Konferenzen u.a. bietet und Schnittstellen, über die Lernangebote von Schulbuchverlagen u.a. Anbietern integriert werden können. Staatlicherseits müssen von der Schulaufsicht Hinweise formuliert werden, welche Mittel und Programme die Schulen nutzen können. Damit endlich die chaotisch-unübersichtliche Vielfalt von Plattformen und Kommunikationskanälen zurecht gestutzt wird, über die die Kinder heute lernen müssen. Hier den Überblick zu behalten – Wo hat denn der Physiklehrer nun die Aufgaben hingeschickt? – , fällt selbst versierten Eltern schwer.
  5. Die Lehrer müssen ihre Didaktik auf die Möglichkeiten der elektronischen Lernhilfsmittel und die Fähigkeit der Schüler, die Aufgaben zeitlich zu bewältigen austarieren lernen. Was ich hier im Umfeld mitbekomme, das sind Schüler, die heute viel mehr Zeit für Schule aufbringen, weil sie nicht zur Schule gehen (dürfen). Der workload ist häufig zu hoch. Und die Lehrer berücksichtigen oft auch nicht, daß Schüler mitunter nicht sehr konzentriert aufs Ziel hin arbeiten, sondern auch mal viele Umwege gehen.
  6. Ein neues Rollenbild des Lehrers zeichnet sich ab, viel mehr Lernbegleiter als Lernstoff-Präsentierer. Das ist schon lange eine Tendenz in reformpädagogischen Konzepten, nun wird es in der sich wandelnden Situation notwendig. Folge dessen ist auch, diese Aspekte im Lehramtsstudium zu reflektieren und die Studenten in der Ausbildung konkret darauf vorzubereiten, diese Rolle auf unterschiedlichste Weise und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln auszufüllen.
  7. Die Lernmittelfreiheit wird nun neu definiert. Für die elektronische Schule reicht das Computerkabinett in der Schule und das Whiteboard im Klassenraum nicht mehr aus. Jede Schülerin und wirklich jeder Schüler braucht einen Computer, den er zu Hause und im Unterricht nutzen kann. Dabei sind offene Systeme die Wahl der Stunde, geschlossene Systeme, auch wenn sie noch so „stylish“ daherkommen, sind für’s Lernen, insbesondere auch das kreative Lernen und Schreiben ungeeignet.
  8. Nebenbei: Um mit dem Computer gut arbeiten zu können, ist das gute alte Maschinenschreiben, „Tippen“, notwendig. Noch eine Aufgabe für die Schule.
  9. Schulentwicklung fördern und unterstützen. Das heißt jetzt konkret, daß die Schulen ihre Erfahrungen mit der Corona-Zeit reflektieren und evaluieren können müssen. Dann in einen Erfahrungsaustausch – am besten regional organisiert und schulformübergreifend – treten und ihre eigenen Entwicklungsprogramme erarbeiten können müssen.
  10. Die Unterstützungssysteme der Länder für die Schulen und die Schulaufsicht sollten diese lokalen und regionalen Entwicklungsprozesse unterstützen. Dazu wird es notwendig sein, vom Steuerungsmodell der zentralen Planung und Lenkung Abstand zu nehmen und den Schulen mehr Eigenverantwortung bei weniger zentraler Kontrolle zu geben. Und ihnen dann in selbst bestimmten Schulentwicklungsprozessen seitens des Unterstützungssystems zur Seite zu stehen und maßgeschneiderte Hilfen zukommen zu lassen.
  11. Über das Schulmanagement und die internen Kooperationsbeziehungen müssen wir nachdenken. Das bezieht sich nicht nur auf das Leitungsmodell – eine erweiterte Schulleitung ist oft besser als eine Ein-Personen-Leitung. Auch die Frage, ob Schulen ab einer bestimmten Größe nicht Schulmanager haben sollten, damit die ausgebildeten Pädagogen vor allem pädagogisch arbeiten können und wie die Schule künftig den Anforderungen an die Organisation der EDV schaffen soll, gehört zu diesem Fragenkomplex. Aber auch die pädagogischen Kooperationsstrukturen wie Jahrgangsteams und Fachkonferenzen sollten wir betrachten und wenn möglich verbessern.
  12. Im Sinne der Weiterentwicklung multiprofessioneller Teams sollten auch die Schulsozialarbeiter in den Blick genommen werden. Wenn ein Teil der Schülerschaft nicht in der Schule lernt, wird es wichtig werden, sie auch zu Hause zu begleiten und sie bei der Bewältigung von schwierigen Situationen zu unterstützen. Wahrscheinlich wird es dann auch sinnvoll sein, über die Kooperation mit den Jugendämtern noch einmal nachzudenken.
  13. Die notwendigen Fortbildungen für Schulaufsicht, Schulleitung und Lehrer müssen wir in Abstimmung mit den Entwicklungsprozessen konzipieren und durchführen. Das sollte sich nicht auf den Umgang mit Elektronik beschränken, sondern alle Bereiche umfassen, die in den obigen Punkten angesprochen wurden. Zu Fortbildungen gehört auch der Erfahrungsaustausch, lokal, regional, international.
  14. Wir sollten als Sozialdemokraten aktiv auf zivilgesellschaftliche Akteure zugehen und mit ihnen gemeinsam auf den verschiedenen Baustellen arbeiten. Die Deutsche Schulakademie, die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. und andere mehr sind natürliche Partner für eine Profilierung sozialdemokratischer Bildungspolitik. Damit könnten wir nicht nur zeigen, wie das sozialdemokratische Versprechen „Aufstieg durch Bildung“ heute buchstabiert wird, sondern auch unseren Kindern einen großen Gefallen tun.
  15. Inspirierend können Schulen jenseits des Tellerrandes sein, wie die Sønderskov-Skolen in Sønderborg (Dänemark, Schulkonzept) oder andere, die wir z.B. beim Ganztagsschulkongreß 2017 in Berlin kennen lernen konnten. Projektlernen jenseits von Stundentafeln durch kooperatives Lernen mit modernster Technik: High-Tech-High in San Diego, Kalifornien.
  16. In Deutschland gibt es immerhin die Labor-Schule in Bielefeld, aus der heraus die Idee entwickelt wurde, die Schüler von der Grundschule bis zum Schulabschluß gemeinsam lernen zu lassen. Die Evaluation der Berliner „Gemeinschaftsschulen“ ist zumindest interessant und könnte einen weiteren Impuls für die künftige Entwicklung darstellen.
  17. Was ist Bildung? Und was ist die Bildung heute, die es unseren Kindern ermöglicht in Zukunft ein selbstbestimmtes und erfolgreiches, hoffentlich glückliches Leben zu führen? Auch diese Fragen, die auf einer etwas abstrakteren Ebene liegen, wollen wir diskutieren. Das sind nämliche jene Fragen, die Eltern brennend interessieren. Jedenfalls alle Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen. Und jenen wollen wir deutlich machen, daß sie bei uns die richtigen Partner für die Zukunft ihrer Kinder finden. (Eine Prise Pathos darf auch mal sein.)

Die Möglichkeiten für die Bildungspolitik, in der aktuellen Situation zu gestalten und länger sichtbare Trends und Entwicklungen mit zu steuern ist jetzt vielleicht so günstig wie zuletzt vor knapp 20 Jahren nach dem PISA-Schock.

Sinnvoll könnte es sein, die Chancen zu ergreifen und in der Bildungspolitik der Länder zu beginnen, die verschiedenen Entwicklungsstränge zu koordinieren. Man braucht eigentlich nur anzufangen und entwickelt dann mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bildungspolitik, die alle an Schulen überzeugt, Lehrer, Schüler und vor allem: Eltern.

* Teile dieses Textes wurden durch eine Schülerin der 5. Klasse auf die neue Rechtschreibung hin korrigiert. Das war ein eher unbeabsichtigtes häusliches Lernprojekt.

** Zugeben: Manche Sätze sind etwas apodiktisch formuliert, doch das ist dem geschuldet, daß ich einen dringenden Gestaltungsbedarf sehe.

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