
Denkmal für den Warschauer Ghetto-Aufstand 1943. Foto: W. Meyer zu Uptrup, 2023
Ewig präsente Geschichte
Im Gegensatz zu Deutschland sind im polnischen Alltag im Bewußtsein der Polen und in der Politik die geschichtlichen Erfahrungen der letzten beiden Jahrhunderte sehr präsent. Aufgrund der Tatsachen, daß unermeßliches Leid und unfaßlich großer Schaden entstand, daß jede polnische Familie betroffen war und auch aufgrund der Propaganda seit Zeiten der Volksrepublik ist die Zeit von Krieg und Okkupation (1939 – 1945) im Zentrum des polnischen Geschichtsbewußtseins. Da in den letzten Jahrhunderten die Nachbarn im Westen wie im Osten immer wieder große Gefahr für die polnische Kultur, Souveränität und Staatlichkeit darstellten, reagiert die polnische Öffentlichkeit alert, wenn in politischen Diskussionen Assoziationen entstehen, die Polen in Frage gestellt oder gefährdet sehen.
Wegen dieser besonderen historischen Erfahrungen ist es notwendig, Polen in der Alltagspolitik mit Respekt und einem besonderen Verständnis gegenüber zu treten. Sich darüber zu mokieren, daß von nationalkonservativer Seite die anti-deutschen Ressentiments durch eine Propaganda à la Volksrepublik bis heute in die Gegenwart verlängert werden und dadurch Teile der polnischen Gesellschaft aufgehetzt und von anderen, vielleicht relevanteren Themen, abgelenkt wird, ist müßig. Tragisch ist nur, daß hierdurch Teile der polnischen Gesellschaft kaum erkennen können, daß heute eine Kooperation mit den europäischen Nachbarn sinnvoll und notwendig ist, um den dräuenden Gefahren zu begegnen.
Das grundlegende Politikfeld in der Zusammenarbeit Deutschlands mit Polen ist deswegen die Geschichtspolitik. Erst wenn in diesem Bereich Einverständnis und Vertrauen geschaffen worden ist, kann sich eine erfolgreiche und vertrauensvolle Zusammenarbeit in anderen Bereichen entwickeln. Aus diesem Grund ist das deutsch-polnische Geschichtsbuchprojekt “Europa – Unsere Geschichte/Europa. Nasza Historia“ so wichtig: Es zeigt, daß eine gemeinsame Sicht auf die Geschichte und deren Bewertung möglich ist, trotz unterschiedlicher nationaler Perspektiven.
In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg war eine ‚anti-deutsche Propaganda‘ für manche gesellschaftlich-politischen Gruppen konstitutiv. Das waren über die Jahrzehnte vielleicht nicht immer die gleichen Gruppen, aber bis heute kann diese Propaganda ihre Wirkung entfalten und die alltägliche Kooperation be- und verhindern.
Ein erster wichtiger Schritt wäre folglich der Versuch, Themen, die in der ‚anti-deutschen Propaganda‘ ihre Wirkung entfaltet haben und weiter entfalten, zu identifizieren, auf ihren sachlichen Kern zurückzuführen und in wirkungsvoller Weise zu entschärfen.
Das erste Thema, das hier in Frage kommt, ist die Forderung nach Reparationen. Aus deutscher Sicht ist das Thema politisch-rechtlich erledigt, aus polnischer Sicht nicht. Auf jeden Fall ist es politisch-psychologisch sehr präsent in Polen. Sinnvoll wäre es, zunächst auf der wissenschaftlichen Ebene und dann auf der politischen Ebene mit den polnischen Nachbarn über das Thema zu diskutieren, auf unserer Seite mit der Bereitschaft verbunden, hier politisch flexibel zu reagieren. Am Ende des Diskussionsprozess sollte eine symbolische wie konkret materielle Handlung stehen, die in Polen mehrheitlich als Schlußpunkt für dieses Thema akzeptiert werden kann.
Eine Geste, die notwendig ist und sofort passieren müßte, ist die Unterstützung von noch lebenden polnischen Opfern von Krieg und Okkupation. Sie sollte so dimensioniert sein, daß sie auf polnischer Seite als menschliche Geste deutlich wahrgenommen wird.
Das zweite Thema ist der Komplex um den Gedenkort für die Opfer Polens in Zeiten von Krieg und Okkupation 1939 bis 1945. Der Komplex besteht aus einem Denkmal und einem zwingend hierzu gehörigen Ort der Information und Begegnung. Das Denkmal muß der Dimension der Verbrechen und Ereignisse in überzeugender Form gerecht werden. Aus historischer Sicht sind die Ereignisse von ähnlicher Dimension wie der Völkermord an den Juden Europas.
Ein deutliches Zeichen von deutsch-polnischer Kooperation wäre es, wenn der Ort der Information als „Haus der Begegnung und Geschichte“ in gemeinsamer Verantwortung geplant und errichtet werden könnte, idealerweise in zwei Weisen, ein Ort in Berlin, einer in Warschau. Da die Polen in den letzten Jahren spannende und lehrreiche Museen zu historischen Themen errichtet haben, wäre diese Kooperation auch museologischer Hinsicht sehr spannend. Dieser Vorschlag greift die guten Erfahrungen des deutsch-polnischen Geschichtsbuchprojektes auf, die zur Hoffnung veranlassen, daß auch ein gemeinsam verantworteter Ort der Information und Begegnung in Berlin und Warschau ein Erfolg werden könnte.
Ein drittes Thema liegt in der Zusammenarbeit von Gedenkstätten und historischen Museen. Wenn man die thematische Fokussierung auf die nationalsozialistische Zeit erweitert und die Zeit von sowjetischer Okkupation und Suprematie ebenfalls mit einbezieht, kann man auch ein Feld gemeinsamer Erfahrungen erkennen. Auf der institutionellen Ebene gibt es bereits viel Austausch, dies sollte aber zu mehr öffentlicher Wahrnehmung führen. Generell sollte angestrebt werden, die 1000 Jahre Nachbarschaftsgeschichte stärker in den Blick zu nehmen und einer Reduzierung der Beziehungsgeschichte auf Krieg und Okkupation entgegenzuarbeiten.
Viertens ist die Rückführung von Kulturgütern in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit verhandelt worden. Hier wäre eine großzügige Geste seitens Deutschlands hilfreich und überzeugend, nach der die in Polen befindlichen Kulturgüter, wie die ‚Berlinka‘, dort im Großen und Ganzen verbleiben, in Deutschland befindliche polnische Kulturgüter restituiert werden. Diese Vorgehensweise könnte auch ein Element der Reaktion auf die Forderungen nach Reparationen sein.
Fünftens: Konkret und praktisch doch nicht so leicht umsetzbar wäre ein verstärkte Nutzung des Geschichtslehrwerkes „Europa. Unsere Geschichte / Europa. Nasza Historia“ in den Schulen Deutschlands und Polens. Hierzu bedarf es einer Initiative unter Einbeziehung der Länder und Wojwodschaften (aus unterschiedlichen Gründen!).
Aus der Perspektive von ‚Realpolitik‘ sind die geschichtspolitischen Themen soft und nachrangig. Aber das ist eben in POL anders als DEU, es sollte Ziel sein, auf dem Feld der Geschichtspolitik möglichst wenig Angriffspunkte zu liefern, da sonst die Kooperationsbereitschaft in der polnischen erodiert und auch auf anderen Feldern wenig Zusammenarbeit entwickelt werden kann.