Sozialer Aufstieg: SPD Bildungspolitik war und ist erfolgreich.

Seit bald 150 Jahren kämpft die Sozialdemokratie darum, daß Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten sozial aufsteigen können und – wie das früher hieß – die Klassenschranken überwinden können. Zentrales Instrument war Bildung und Weiterbildung, die den Einzelnen zur Verbesserung seiner Qualifikation und zu besser bezahlter Arbeit führen sollten und führten.

Nun ist in den letzten Jahrzehnten die Arbeiterklasse aufgrund komplexer wirtschaftlicher und sozialer Prozesse stark geschrumpft. Zu diesen Prozessen gehört auch alles, was mit der Bildungsexpansion seit den 1970er Jahren zusammenhängt und wodurch vielen Kindern aus Familien, in denen die Eltern noch nicht studiert hatten, ein Studium und den sozialen Aufstieg ermöglicht wurde. Seit dieser Zeit beobachten wir, daß der Anteil eines Schülerjahrgangs, der das Abitur ablegt – der lag 1960 noch bei rund 5% -, stetig steigt, ebenso wie die Zahl der Studenten. Dennoch äußern sich viele Sozialdemokraten und Nicht-Sozialdemokraten so, als ob sozialer Aufstieg durch Bildung in Deutschland kaum möglich sei, gemessen daran, daß der Anteil von Studienanfängern aus Nicht-Akademikerfamilien immer noch so gering sei.

Schreiende Ungerechtigkeit?

Im März 2018 sorgte ein Bericht für einige Aufregung, in dem dargestellt wurde, daß in Braunschweig 48% eines Jahrganges das Abitur ablegte, in Cloppenburg aber nur 18%, Der bundesweite Durchschnitt liegt bei knapp 35% (Die Zeit Nr. 12). Das ist auf den ersten Blick aus der Perspektive sozialen Aufstiegs sehr empörend. Es sah nach krasser Stadt-Land-Benachteiligung und Pauperisierung der Landbevölkerung aus. In etwa das Gegenteil war richtig.

Beim genaueren Hinsehen kam zum Vorschein, daß der Kreis Cloppenburg ein wirtschaftlich recht prosperierender Kreis ist und ein Großteil der Jugendlichen eine attraktive Perspektive in der regionalen Wirtschaft finden kann und das vielfach auch in den Betrieben der Familien. In Braunschweigs urbanem Milieu ist die Lage komplexer, wie in o.g. Reportage dargelegt. Darauf will ich jetzt nicht weiter eingehen, sondern zu überlegen geben, ob wir nicht etwas weltfremde Vorstellungen vom „sozialen Aufstieg“ haben und uns anhand weniger Kriterien vorschnell und unangemessen reagieren. Was ist mit den Klagen, daß nach den Bologna-Reformen viele junge Leute studierten, für die das Studium vielleicht nicht die ideale Wahl gewesen sei? Daß wir eine große Ausdifferenzierung der Studiengänge erleben und man heute Dinge studieren könne, die bei älteren Arbeitnehmern ein Stirnrunzeln hervorrufen? Z.B. Onomastik (Universität Leipzig), Kristallographie (Köln und Freiburg), Promenadologie (Kassel), Angewandte Freizeitwissenschaften (Bremen), Körperpflege (Darmstadt). Da muten die Studiengänge von Friesischer Philologie (Kiel) oder Puppenspiel (Hochschule für Schauspielkunst Berlin) noch als realitäts- und zukunftsorientiert an, die Wissenschaft vom christlichen Orient (Halle) hat recht anspruchsvolle Eingangsvoraussetzungen. Andersherum: Ist es nicht auch ein Zeichen von einem hohen Niveau an Wohlstand und Kultur, daß wir solche Studiengänge haben?

Was ist aber nun mit dem Hinweis, daß in der sozialdemokratischen Tradition nicht allein die Akademisierung der Gesellschaft als Ziel gesetzt ist, sondern sozialer Aufstieg auch als Facharbeiter oder Handwerker denkbar ist? Wir sollten als Sozialdemokraten nicht-akademische Berufsausbildungen nicht allzu gering schätzen!

Bildungstrichter im Laufe der Jahre

2000 2009 2016
1. Anteil 25- bis 35-jähriger Deutscher aus nichtakade­mischer Familie, die ein Studium absolviert haben 18,6% 21,7% 27,9%
2. Anteil des Jahrgangs, der ein Studium aufnahm 29% 43%
3. Anteil der Studienanfänger aus Nichtakademikerhaushalten 19% 23% 27%
4. Anteil der Studienanfänger aus Akademikerhaushalten 79% 77% 71%

Quelle: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung nach DIE ZEIT 20/2018

Wenn wir die obige Tabelle richtig lesen, dann geschieht sozialer Aufstieg durch Bildung kontinuierlich und alle sozialdemokratischen Hoffnungen erfüllend:

  • Der Anteil der Studienabsolventen aus nicht-akademischen Haushalten steigt,
  • der Anteil eines Jahrgangs, der ein Studium aufnimmt, steigt,
  • der Anteil der Studienanfänger aus Nichtakademikerhaushalten steigt,
  • der Anteil der Studienanfänger aus Akademikerhaushalten sinkt.

Zudem sollten wir noch berücksichtigen, daß der Anteil der Akademiker gegenüber jenem der Nichtakademiker seit Jahren steigt, was wiederum die Proportionen in o.g. Tabelle verschiebt, zugunsten der Nichtakademiker, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung sinkt.

Ein Gerechtigkeitsproblem ließe sich darin erkennen, wenn unter den 73% derjenigen aus Nichtakademikerhaushalten (27% gehen zur Universität) ein hoher Anteil an studierfähigen jungen Menschen wäre. Und wenn diese begabten jungen Menschen aus sozialen Gründen nicht studieren könnten oder würden. Abgesehen davon, daß es vielleicht auch Jugendliche gibt, die nicht studieren wollen, obwohl sie es könnten. Deren Entscheidung ist auch zu respektieren. Von der Beobachtung vieler Universitätsdozenten, daß ein Teil der immatrikulierten Studenten genaugenommen nicht studierfähig ist und deswegen auch das Studium abbricht, ganz zu schweigen.

Gymnasialquote

Anteil Kinder am Gymnasium in % 2000 2015
Oberschicht 51,6 55
Facharbeiter 15,6 24,4
Ungelernte Arbeiter 11 20,1

Quelle: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung nach DIE ZEIT 20/2018

Aus wenn wir die Gynmasialquote ansehen, also jenen Anteil der Kinder eines Jahrgangs, die als weiterführende Schule das Gymnasium besuchen, können wir sagen: planmäßige Steigerung.

Am Parameter der formalen Bildung gemessen, findet sozialer Aufstieg also massenhaft statt. Nun stellt sich die Frage, wieweit das so weitergehen kann. Ist es möglich, daß 100% eines Jahrgangs am Ende dann auf’s Gymnasium geht? Nein, das ist wohl evident. Zweite Frage: Ist es wünschenswert, daß der Anteil der Akademiker in der Gesellschaft noch weiter und weiter so steigt? Da sollten wir skeptisch sein. Erstens braucht die Wirtschaft auch nicht-akademische Berufe und Berufsanfänger, wir lesen schließlich seit längerem vom Fachkräftemangel in vielen Branchen. Zweites kann man sozialen Aufstieg ja durchaus auch mit nicht-akademischen Tätigkeiten begründen. Die SPD wollte sozialen Aufstieg für alle (die weiter „unten“ waren oder sind), nicht jedoch ein Diplom oder Master für alle.

Was heißt das für die Sozialdemokraten hier und jetzt?

  1. Das primäre Ziel sozialdemokratischer Bildungspolitik ist in einem stabilen Prozeß der stetigen Erfüllung.
  2. Die Bildungspolitik muß jetzt vielmehr auch die Menschen in den Blick nehmen, die einen sozialen Aufstieg erreicht haben und wollen, daß ihre Kinder keinen sozialen Abstieg erfahren müssen.
  3. Die Ziele sozialdemokratischer Bildungspolitik können und sollten neu überdacht werden.

Als neue Ziele wären zu diskutieren:

  1. Die Rolle der Schule als Integrationsinstanz der Einwanderungsgesellschaft. Nicht mehr soziale, sondern vielmehr kulturelle Konflikte prägen das Geschehen. Das zu sehen, fällt Sozialdemokraten traditionellerweise sehr schwer, die von der Vorstellung beseelt sind, daß die Aufhebung von sozialen Unterschieden alle weiteren Unterschiede belanglos macht.
  2. Die Frage ist zu beantworten, was ist denn das, Allgemeinbildung heute? Die allgemeinbildenden Schulen, was sollen sie unseren Kindern vermitteln? Welche Fähigkeiten sind notwendig, um über die kulturgeschichtlichen Grundfähigkeiten in der Gesellschaft von morgen erfolgreich zu sein? Im Hinblick auf die ökologischen Katastrophen, den erweiterten Anforderungen an das Sozialverhalten und den neuen Anforderungen, die die Lebensorganisation und das Arbeiten mit digitalen Gerätschaften mit sich bringt, die wir erst morgen kennenlernen werden?
  3. Wie sieht eine Schule aus, die unsere Kinder von der Demokratie überzeugt? Wie sieht eine wirklich gute Schule aus und wie kann die Politik die Schulen unterstützen, in Eigenverantwortung zu guten Schulen in Deutschland zu werden?

Dies nur mal als ein paar Anhaltspunkte für die Erarbeitung von aktueller Relevanz in einem Politikfeld, das ehemals zu den sozialdemokratischen Kernkompetenzen gehörte. Weitere Hinweise und Fragen hatte ich vor einiger Zeit zum Thema „Nationaler Bildungsrat“ notiert.

Nachbemerkung: Auch im Hinblick auf den Wandel der SPD-Wählerschaft ist die kontinuierlich zunehmende Akademisierung von Relevanz: Hier sind neue soziale Gruppen stark angewachsen, die ehedem nicht im primären Focus der SPD-Politik waren. Für die es sich aber lohnen würde, sozialdemokratische Politik zu formulieren, die sich weit von der Arbeiterklassen-Romantik von Teilen der SPD entfernt.

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