Denkfehler mit Folgen

Wir haben uns schon daran gewöhnt, daß die Wahlkämpfe politischer Parteien durch Werbeagenturen unterstützt – böse Zungen sagen auch: durchgeführt – werden. Das kann in seltenen Fällen dazu führen, daß der Besitzer einer Werbeagentur selbst sich einer Partei bedient, um in den Bundestag zu kommen. So in Berlin geschehen.

Den Planungen der Werbeagenturen für Wahlkämpfe liegt zumeist ein soziologisches Modell der Gesellschaft zugrunde, das sie in sog. Sinus-Milieus gliedert. Das Ur-Modell sieht so aus:

Sinus-Mileus-1
Quelle: SINUS Institut

Zweifellos ist das Modell eine interessante Beschreibung der Gesellchaft in Deutschland, das helfen kann, soziale und politische Prozesse zu analysieren und zu verstehen.

Für Wahlkämpfer recht aufschlußreich ist dann auch eine Quantifizierung, wie viele Personen den jeweiligen Milieus zuzurechnen seien. Das sieht in unserem zitierten Beispiel so aus:

Sinus-Mileus2
Quelle: SINUS Institut

Nun mag sich jeder überlegen, welchem Milieu er sich zurechnen würde. Vielleicht geht es ihm dann ähnlich wie mir, daß es mir schlicht schwerfällt, mich eindeutig einem dieser Milieus zuzuordnen. Das ist nicht schlecht, falls es aber massenhaft vorkommen sollte, daß sich Individuen in den Milieus nicht wiederfinden, führt das zu methodischen Problemen, auch im Hinblick auf die Planung von Wahl-Kampagnen.

Bleiben wir noch einen Moment bei dem Sinus Milieu-Modell, das sehr verschieden einsetzbar ist. Man kann es z.B. auf die Bevölkerung von Österreich beziehen:

Sinus_Österreich
Quelle: SINUS Institut

Wenig verwunderlich, es zeigt dann, daß die einzelnen Milieus in verschiedenen Ländern etwas unterschiedlich sind.

Es lassen sich sogar Aussagen zu Minderheiten in einem Land mithilfe des Modells tätigen:

SinusMilieusEinwanderer
Quelle: SINUS Institut

Es geht aber auch, sie bestimmten Wohnregionen in einem Ort zuzuordnen, wie das folgende Beispiel zeigt:

SinusGeoMilieus
Quelle: SINUS Institut

 

Anhand des Sinus-Modells können auch die Konsumgewohnheiten aufgezeigt werden:

SinusMilieusVerkehr
Quelle: SINUS Institut

Spannend wird es, wenn wir die Milieus dann politischen Parteien zuordnen können (bzw. es glauben zu können), wie das nächste Beispiel zeigt:

President_Vote_Post_Election_Grafik
Quelle: SINUS Institut

Mit allen diesen Zitaten ist deutlich geworden, daß das Milieu-Modell von Sinus ein verführerisch einleuchtendes Modell ist, das sich auf verschiedene Kontexte und verschiedene Zwecke hin nutzen läßt.

Wenn man nun das Modell einem Wahlkampf zugrunde legt, dann wird gefragt, welche politische Aussage, welches Versprechen würde Personen aus diesem oder jenem Milieu motivieren, unsere Partei zu wählen. Im Falle der SPD tritt möglicherweise noch der Wunsch hinzu, Restbestände von Ungerechtigkeit zu entdecken, um sie mit einer Politik unter der Überschrift „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ fest in den Blick zu nehmen. Im Ergebnis haben wir dann ein Wahlprogramm, wie wir es für die Bundestagswahl 2017 in die Hand nehmen konnten (Wahlprogramm 2017). Auf sage und schreibe 116 Seiten wurde für fast jedes Milieu und bald jede Lebenslage ein Versprechen formuliert. Böse Zungen stellten schon bei der Herausgabe dieses Wahlprogrammes fest, daß es Vielen vieles biete aber doch eine überzeugende Aussage vermissen ließe. Das Wahlprogramm ähnelte einem politischen Quelle-Katalog (Wer kennt das noch? Neusprache: Polit-Amazon), viel Wünschenswertes, wenig Überzeugendes.

Die Verwendung des Milieu-Modells folgt dem vorherrschenden politischen Trend, alle Politik und alles administrative Handeln mit empirischen Daten zu begründen. Das ist nicht falsch, führt aber nicht in jedem Falle zu überzeugenden Lösungen, weil motivierende Ideen oft nur schwer auf dem Zahlenberg wachsen.

Ich meine, daß es kein Wunder ist, wenn auf der Basis des fragmentierenden Gesellschaftsmodells der Sinus-Milieus kein überzeugender Entwurf herauskommt. Es fehlt schlicht das, was Peter Glotz „Zuspitzung“ nannte. Es fehlt die Konzentration auf drei, vielleicht fünf, zentrale Politikfelder, die Sozialdemokraten profiliert anders gestalten wollten, als andere Parteien. Es fehlte am Versuch, einige politische Ideen und Ziele zu entwickeln, die in der Lage sind, die Zustimmung gesellschaftlicher Mehrheiten zu erreichen. Es fehlte an der Focussierung auf ein paar zentrale Politikfelder und an einer Priorisierung der politischen Themen. Nun, wenn das mal die einzigen Defizite der Kampagne von 2017 gewesen wären…

 

Dennoch lassen die aktuellen politischen Probleme viele Menschen in Deutschland nicht kalt und manch einer läßt sich mobilisieren. Derzeit findet die engagierteste Mobilisierung durch die National-Populisten statt. Da Sozialdemokraten deren Lösungen in der Regel als ungeeignet ansehen, stellt sich uns die Aufgabe, für sozialdemokratische Ziele zu mobilisieren.

Es lohnt sich, für die Meinungsführerschaft zu kämpfen. Da reichen gesinnungsethische Grundpositionen nicht aus. Gerade im Hinblick auf die Entwicklung unserer Einwanderungsgesellschaft, die bei Zielgruppen sozialdemokratischer Politik häufig skeptisch und mit einem Anflug von Existenzängsten gesehen wird.

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